Armageddon

Zen Meister Taiikan Jyoji vom Kloster La Falaise Verte in der Ardeche/Frankreich
Zen Meister Taiikan Jyoji vom Kloster La Falaise Verte in der Ardeche/Frankreich

Es war Frühling im Centre Zen du Taille im Süden Frankreichs. Der Winter hat sich tief in den Boden verkrochen. Eine graue Decke aus vertrockneten Grashalmen bedeckte die Erde, die aufgetaut, nachgebend, weich und matschig war.  

Der Meister hatte in den Hügeln hoch über dem Zen-Kloster seine Bienenstöcke stehen. In einer Linie aufgereiht standen vielleicht 15 oder 20 quadratische Würfel aus Holz auf dürren Gestellen und schauten ins weit ausladende Tal. Denn die Vorderseiten der etwa kniehohen Holzkisten hatten so etwas wie ein Gesicht. Gesichter ohne Augen aber mit breiten dünnlippigen Mündern. Das waren die Ein- und Ausflugsschneisen der Bienen, wenn sie denn der lockenden Wärme der Sonnenstrahlen folgend wieder ihr geschäftiges Treiben aufnehmen würden nach Monaten still starrer Winterruhe. 

Die Schotten waren dicht. Versiegelt. Die hölzernen Deckel der Kisten waren oben zugenagelt – Fingerbreit standen die rostigen Nagelköpfe ganz dicht an den seitlichen Wänden aus den verwitterten Oberflächen der Deckel heraus. Die Nägel wurden nur halb hineingetrieben … als im späten Herbst des vergangenen Jahres die Kisten verschlossen wurden, um die Bienenvölker sicher vor der Kälte des Winters zu schützen.

Wegen dieser Voraussicht konnten die Zangen leichter packen. Gerade mussten die Nägel herausgezogen werden. Nicht verkantet. Nicht verbogen. Wenn sie gerade blieben, sollten und mussten sie wieder verwendet werden – entweder bei einem anderen Projekt oder wieder an gleicher Stelle zum gleichen Zweck. Bienenstöcke zunageln. Das war nach der Honigernte die letzte Arbeit zum Abschluss des Jahres und die erste Arbeit zu Beginn einer neuen Erntesaison. 

Wir arbeiteten schweigend. Der Meister und ich. Zu beiden Seiten einer Kiste stehend entfernten unsere Zangen mit quietschenden Geräuschen die Nägel. Als der letzte gezogen war, hob der Meister den Deckel ab und man konnte darunter einen zweiten dünneren Deckel sehen. Der war passgenau in die Kiste eingelegt, lose aber eng genug, um die empfindlichen Waben darunter doppelt zu schützen. Dieser zweite Deckel wurde nur kurz gelüftet um nachzuschauen, ob mit dem Bienenvolk, das darunter in senkrecht aufgehängten Waben den Winter verbracht hatte, alles in Ordnung war.

Die ersten zwei oder drei Kisten waren so, wie sie sein sollten und dem Bienenvolk mit ihren Larven und Puppen ging es gut.

Dann öffneten wir den Deckel einer Kiste, bei der hatten sich Hunderte von Ameisen eingenistet. Schwarze Punkte krabbelten wild übereinander. „Merde!“ Sagte der Meister und ging zu einem mitgebrachten Werkzeugkasten. Er kramte ein wenig darin herum und plötzlich hatte er einen Lötbrenner in seiner Hand. Einen, der mit Spiritus oder Benzin betrieben wurde. Um ihn zum Glühen zu bringen, musste ein luftpumpenartiger Hebel schnell hin und her bewegt werden. Dieses Pumpen erzeugte einen Überdruck, der die brennbare Flüssigkeit in kleinen gasförmige Partikelchen zerstäubte, die dann entzündet werden mussten. 

Lötbrenner sind kleine Flammenwerfer. Sie werden gebraucht, um Zinn oder ähnliche Metalle zum schmelzen zu bringen. Aber hier war kein Metall,das erhitzt werden musste. Hier passierte etwas ungeheuerliches. 

Armageddon!

Ameisenarmageddon!

Schweigend und mit der gleichen Sorgfalt, mit der der Meister darauf achtete, dass die herausgezogenen Nägel auch gerade und unverletzt dem Holz entzogen wurden, kam jetzt das Höllenfeuer über die Ameisenpopulation. Das prasselnde Knacken explodierender Chitin-Panzer, das Aufbäumen und Zusammenkrümmen verglühender Gliedmaßen und der durchdringende Geruch von verbranntem Haar und Kerosin verschmolzen zu einem Höllenbild aus Flammenmeer, Vernichtung und Mord. 

Massenmord.

Nichts, was mit der friedlichen Religion des Buddhismus auch nur die kleinste Berührung haben könnte. Ich wusste, Zen war anderes. Verrückt, radikal … Aber Tiere töten? Sie geradezu abschlachten? Das passte mit keinem Weltbild, das ich mitgebracht hatte in die idyllische Einsamkeit des malerischen Zen Klosters im Herzen der Ardeche.

Irgendwie muss ich bewegungslos dagestanden haben. Oder der Meister hat meine erstaunten Blicke gespürt. Er schaute mich fragend an und bevor ich: „Aber…“, sagen konnte, da hatte er mich schon unterbrochen. Er drehte den Regler der Lötlampe auf die kleinste Stufe und nahm das tragbare Inferno beiseite. Auf dem hölzernen Schlachtfeld zuckten immer noch die Leiber zerschmolzener Insekten im Rauch und Gestank verbrannter Haare. 

Fest schauten mir die gütigen Augen des Meisters ins Gesicht. „Ich erzähle dir mal eine  Geschichte“, sagte er.

 „In einem Zen Kloster kam ein aufgeregter Mönch ins Zimmer des alten Meisters. Er sagte, dass der Gärtner, ein Laie, Schnecken von den Salatblättern entfernt und sie dann tötet. Man dürfe doch als Buddhist keine Lebewesen töten … stammelte der aufgelöste Mönch und der Meister sagte: 

„Da hast du ganz recht!“

Erleichtert und beruhigt machte sich der Mönch davon. Kurze Zeit später kam ein erboster Gärtner zum Meister und platzte heraus:“Wenn ich keine Schnecken töten darf, dann frisst das Ungeziefer unser ganzes Gemüse und alle Mönche im Kloster müssen hungern. Ich MUSS die Schnecken töten!“

„Da hast du ganz recht!“

sagte der Meister mit einem gütigen Lächeln dem nun nicht mehr aufgeregten Gärtner. Dieser bedankte sich, verbeugte sich tief und verließ das Zimmer des Meisters.

Ein Mönch, der dem alten Meister als Sekretär zu Diensten war, saß bei beiden Begegnungen schweigend in einer Ecke des Raumes. Nun konnte er nicht mehr an sich halten. „Das geht jetzt aber wirklich nicht! Einem Menschen sagst du, man dürfe nicht töten und dem Anderen sagst du, man dürfe das doch. Das geht doch nicht, das ist ja völlig widersinnig.“

„Da hast du ganz recht!“

… sagte der Meister.“

Und ohne auf mein erstauntes Gesicht und meine fragenden Augen einzugehen, drehte er den Regler des Flammenwerfers wieder voll auf und ein weiterer Feuerregen ging auf zuckende Insektenleiber nieder.

Vom 20. bis 28. März 2020 wird Meister Jyoji erstmals seit 35 Jahren wieder ein Zen Sesshin in Deutschland leiten. Ort: Meditationszentrum Neumühle, Mettlach/Tünsdorf – Weitere Informationen: https://www.neumühle-saar.de

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