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Der reichste Mann der Welt

Der reichste Mann der Welt, den habe ich in der Türkei getroffen.

Mitte der 70er Jahre waren wir zu dritt unterwegs auf dem Landweg nach Indien. Wir hatten in Deutschland alles verfügbare Geld zusammengelegt und hatten einen gebrauchten Benz gekauft. 230 E Sechszylinder  … Islamgrün und mit einem Stern auf der Kühlerhaube, der zeigte nach Osten, dem Morgenland entgegen. 

Den wollten wir für das 20fache des Kaufpreises in Persien verkaufen. Es war die Zeit, als Shah Reza Pachlawi den Iran mit Militärgewalt und Geheimpolizei entlang der imperialistischen Pläne des CIA und britischer Kolonialträume regierte. Das Land war geteilt in Mittelalter und Neuzeit.  Am deutlichsten war das in Teheran zu sehen. Einer Millionenstadt, mit einem reichen Norden und einem Armen Süden. Geteilt durch eine kilometerlange Prachtstraße, die durch das mächtige Pachlawi Tor die mächtige Stadt in zwei ungleiche Hälften schnitt.

Teheran ist einem Hang entwachsen. Der Norden der Stadt liegt an den letzten Ausläufern  des Elbrus Gebirges, einer Bergregion die auch im Sommer kühle Winde in die Ebenen fallen lässt. Dort stehen die reichen Häuser, die palmenumsäumten Villen der Ölmiliardäre, die Fünf Sterne Hotels und der endlos weite Palast des allmächtigen Shah und seiner Thronerben. Die Straßen sind mit feinstem Asphalt belegt – makellos und neu. Das Licht der Straßenlaternen wirkt kostbar, wenn es die schweren Türen aus Edelholz und die goldenen Türgriffe bescheint.

Der Duft nach Blüten und Märchengärten windet sich lautlos aus den verspielten Gittern mächtiger Gartenportale. Wer hier flaniert, weiß, dass es dass Schicksal gut mit ihm meint. Aber hier flaniert niemand. Nur Wachmänner und Polizisten. Kleine handliche Maschinenpistolen wirken wie modisch passende Accessoires zum Military Look ihrer aufrecht stolzierenden Träger. Der Laufsteg heißt Macht, Erfolg oder Reichtum. Die, die ihn beschreiten haben es geschafft. Hier oben wohnt die Creme de la Creme. Die oberen 10 000. Mehr Millionäre wird auch dieses boomend reiche Land nicht gehabt haben, damals in der Hochblüte von Kapitalismus und Korruption. 

Die Autos heißen Mercedes und Cadillac. Rolls Royce oder Bentley. Sie schwimmen durch die breiten Straßen wenn sie von Chauffeuren gesteuert werden und werden von chromeglitzernden Porsches und roten Ferraris geschnitten und überholt, wenn die junge Generation das Steuer übernommen hat. 

Wir drei junge Hippies schwimmen mitten drin durch die gepflegten Straßen … Eine Erholung nach endlos langen und gefährlich tiefen Schlaglöchern vor allem im Osten der Türkei, in Kurdistan und entlang der alten Karawanenrouten zwischen Erzurum und Ararat.

Diesen Reichtum zu sehen, ihn zu durchqueren mit einem Benz unter Benzen gab uns kurz das Gefühl, ebenfalls reich zu sein. Als könnten wir es uns leisten, in einem der imperial oder interkontinentalen Hotels vorzufahren und dem livrierten Boy die schweren Koffer mit dem 3bändigen Gesamtwerk von Hölderlin und den verschwitzten T-Shirts in die Hand zu drücken …. Ja, davon hatten wir damals geträumt. 

Die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Wir hatten kein Geld. Fast gar keins. Alles war beim Kauf des Autos drauf gegangen. Dann ein Unfall unterwegs in Jugoslawien … Die notdürftige Reparatur hatte unsere Reserven aufgebraucht. Und die Nerven waren auch schon aufgebraucht. Alle. Blank und offen lagen sie da, bereit, sich bei jedem Anlass wie bissige Hunde in anfänglich harmlose Gespräche festzubeißen. 

Wir mussten die Höhen des Luxus verlassen. Wir brauchten ein Bett für die Nacht. Und die Betten für unsereins lagen in den tiefer gelegenen Teilen der Stadt. Und wir wussten auch wo. Im Amir Kabhir, dem sagenumwobenen Hippie Hotel südlich des Äquators, der Demarkationslinie von Arm und Reich, einer klar sichtbaren Grenze, die in Teheran von der Prachtstraße Avenue John F. Kennedy gebildet wird. 

Es war kurz vor Mitternacht. Während wir die abschüssige Straße aus den Bergen ins Herz der Stadt hinabglitten, bemerkten wir plötzlich, dass die Straßen nass wurden, ganz ohne Regen. Von unten her. Und dann konnte man sehen, wie aus Hydranten rechts und links der Straße mächtige Ströme von Wasser sich über den schwarzen Asphalt ergossen, ihn kühlten um gleichzeitig die Straßen von Schmutz und Staub zu reinigen. Unser Auto schwamm mitten in diesem Fluss hinab, Wasser und mitgeschwämmter Schmutz wurden immer mehr und bildete starke Ströme, die sich jetzt rechts und links in Kanäle ergossen, die anfangs noch unterirdisch und spät als offenen betonierte Becken die Straßen säumten. 

Die Häuser waren unmerklich kleiner geworden, das Licht hatte seine Brillanz verloren, grau und schmutzig waren die Ufer des Flusses auf dem wir fuhren. Längst drehten sich unserer Räder nicht mehr in klarem kühlen Wasser. Unser Wagen pflügte durch Morast, durch Schlamm und Unrat, durch eine braune Brühe aus Gestank, Dreck und Müll.

Die oberen 10 000 reinigten ihre Behausung, indem sie ihren Teil der Stadt mit sauberem, kostbaren Trinkwasser fluteten. Sie kühlten ihre abgehobene Wohngegend mit frischem Wasser für kühl distanzierte Luxus-Träume und eine beruhigend sichere und geruhsame Nacht. Morgen früh, wenn sie ausgeschlafen haben würden, würde eine saubere Straße auf sie warten. Und wohin das Wasser fließt … das wissen die meisten hier oben wirklich nicht. Wollten es nicht wissen. Dürften es nicht wissen.

Wir aber wollten es wissen.

Am nächsten Tag sind wir vom heiß feuchten Dreck und Schmutz der Laken in den 8 Bett Zimmern des Amir Kabhir geflohen und haben uns zu Fuß aufgemacht. Nach Süden. Der Armut entgegen. So weit, wie wir es aushalten können würden. Die Armut, den Gestank, das Elend. Hier war aller Dreck angeschwemmt. Der von oben und der von unten. Die Straßen hatten irgendwann keinen Asphalt mehr. Da war Lehm und Dreck. In mächtigen Betonkanälen floss träge eine giftige Brühe mitten durch dass Menschenmeer. Hier waren sie, die 5 bis 7 Millionen. Hier konnte man sie sehn. Sie hockten vor schäbigen kleinen Läden, quälten sich mit schweren Dingen beladen durch ein immer dichter werdendes Gewirr aus Leibern. Streunende Hunde. Eine Mutter wäscht ihr neu geborenes Baby in der Brühe des offenen Kanals. Es stinkt nach Aas, nach Fäkalien, nach Krankheit, nach Tod. 

Wir gehen weiter. Wir wollen unsere Augen nicht verschließen. Diese Reise ist auch eine Reise in die Wirklichkeit. Mitten hinein in eine Welt, die so ist, wie sie ist. Wir wollen uns nicht belügen. Mit Staunen und Ekel, mit Abscheu und Mitgefühl schauen unserer Augen auf eine Welt, wie sie für Millionen die einzige Wirklichkeit ist. 

Als unser Schuhe im Morast versanken und Schlamm und Elend uns Schritt für Schritt immer mehr fest halten wollten, mussten wir innehalten. Dieser Weg würde endlos sein. Immer mehr Menschen würden in immer ärmeren Wirklichkeiten vegetieren. Am Ende würde uns der Weg selber auffressen und wir würde selber zu Schlamm und Morast werden … so, wie all die vielen  Menschen rings um uns herum. Ein alter Mann schöpfte mit einer rostigen Konservendose Wasser aus dem Kanal und führte das Gefäß zum zahnlosen Mund. Der Glanz in seinen Augen war schon lange verloschen. Unendliche Traurigkeit legte sich über uns und wir kehrten um.

Den reichsten Mann der Welt, den hatten wir einige Wochen vorher getroffen. Wir waren von Istanbul kommend die herrliche Küstenstraße entlang in den Süden gefahren. Antalya, Alanya, Side und Mersin waren kleine malerische Orte. Es gab wenige Touristen Engländer vielleicht. Eine verschlafene Idylle. Kilometer lang unberührter Strand. Kein Haus, kein Dorf. Die engen holprigen Straßen musste man mit Eselkarren teilen, die hie und da die Straße kreuzten oder gemächlich vor dem Mercedes-Stern dahintrotteten.

Ab und an hielten wir an. Die schönsten Sandstrände des Mittelmeers waren gänzlich unentdeckt. Kilometerweit nur wir, nur Sonne, nur Wellen nur Glück. Nackt stützen wir uns in die Wellen. Und das Meer nahm uns arrogante Schnösel geduldig an. 

Einmal mussten wir nach dem Weg fragen. Die einzige Landkarte, die wir hatten, war ein postkartengrosser Plan von Europa auf der letzten Seite eines Jahresplaners der örtlichen Sparkasse. Die Türkei war vielleicht 2 cm lang. Diesen Plan zeigten wir einem alten Mann aus dem offenen Fenster unseres Wagens heraus. Mit Zeichen und Worten in den wichtigsten Sprachen der Welt fragten wir und die Antwort war ein breites Lachen. Die Augen leuchteten in tiefem blau und die braunen Zähne wirkten doch fast weiß, so dunkel braun gebrannt war sein Gesicht. 

Egal, was wir sagten, er lachte und nickte und lachte und nickte …. dann griff er nach meinem Arm und forderte uns auf, den Wagen zu verlassen. Wir sollten mit ihm kommen …. das sagte seine winkende Hand und eh wir uns versahen, kamen vier oder sieben Kinder aus nirgendwo.

Wir hatten keine Wahl. Eine solche Einladung kann man nicht ablehnen. Wir folgten dem Alten und der kleinen Kinderschar, die uns aufgeregt umtanzten, an unseren Hosenbeinen zupften und schüchtern und schelmisch ihre Freude hatten. Ein Riesenauto, ein islamgrüner Mercedes Benz aus Allemanya war vorbei gekommen und hatte tatsächlich angehalten! Nicht nur angehalten … da hatten echte Menschen, junge blonde oder braunhaarige Götter mit ihrem Opa gesprochen. Und der Opa hatte sie eingeladen, mitzukommen und sie sind alle drei ausgestiegen. Welch ein goldener Tag! Die weite Welt war zu ihnen gekommen, in die eintönige Einsamkeit ihres ärmlichen Daseins.

Und arm waren sie wirklich. Sehr arm. Die Hütte hatte zwei Räume. Einen zum schlafen und einen zum wohnen. Ungläubig und misstrauisch kam eine Frau aus dem Dunkel der kleinen Behausung. Der Alte erklärte und der Blick hellte sich auf. Sie nickte mehrere male zum Zeichen, dass sie verstanden hat und verschwand wieder hinter herunterhängenden Quasten und Schnüren, die im Sommer die Tür zur Wohnung bildeten.

Wir saßen auf einer einfachen Bank. Vor uns ein wackeliger Tisch aus wettergegerbtem Holz. Der Blick war atemberaubend. Vor uns ein endlos tiefblaues Meer. Scharf trennten sich Wasser und Himmel in einem fernen Horizont. Ein kleiner Garten in zwei drei Terrassenstufen klebte zusammen mit der ärmlichen Hütte an der Steilküste hoch über dem Wasser. Unten brachen sich die Wellen. Am Himmel segelten vereinzelt kleine weiße Wolken auf das offene Meer hinaus. Die Zeit hielt den Atem an und ein endlos weiter Strand strecke sich nach beiden Seiten der Unendlichkeit. 

Die Frau brachte cai, den türkischen Tee in gläsernen Tassen mit Goldrand. Das Stück Würfelzucker wird zwischen den Zähnen gehalten, während man den heißen Tee schlürfend an seinen Flanken vorbei nach innen saugt. Zucker und Tee treffen sich bei den Lippen und mischen sich erst während man trinkt. Wir schauen ins Paradies. Ein froher alter Mann. Lachende Kinder. Enkel vermutlich oder sollte er ihr Vater sein? Die Frau war jung genug … Soviel konnten wir sehen, als sie kurz das Tablett mit dem heißen Tee auf dem Tisch abstellte und dann wieder schweigend im Haus verschwand. In meiner Erinnerung war sie schön.  

Wir lachten, scherzten, erzählten uns Geschichten, die man auch ganz ohne Sprache versteht. Es war schön mit dem Alten. Als der Tee schon längst getrunken war, und wir uns  aufmachen wollten zur Weiterfahrt, da zupfte er mich wieder am Ärmel und zog mich durch ein niedriges kleines Tor in seinen winzigen Garten. Da hatte er dem Hügel wenige schmale Furchen Land abgetrotzt, sie mit steinernen Treppen in schmale Felder zerteilt und der trockenen Erde einige Halme Getreide, Bohnen, Zuchini und vier oder fünf Gurken  abgewinnen können. Weiter hinten in einem Verschlag meckerte eine rappeldürre Ziege.  

Eine der Gurken war riesig. Ein war die größte der vier oder fünf, die er hatte. Und genau diese eine große Gurke nahm er in beide Hände, pflückte sie sorgfältig fast zärtlich vom Stengel und reichte sie mir mit beiden Händen. Ob er sich verneigte, weiß ich nicht. Aber an sein breites Lachen erinnere ich mich genau. So lacht jemand, der sich daran erfreut, anderen eine Freude zu machen. Und mein Zögern im Annehmen,  meine Verwunderung und meine Beschämung all das schien er nicht zu sehen. Er schaute großzügig darüber hinweg.

Seine Handbewegung ließ keine Zweifel offen. Wir musste dieses Geschenk annehmen. Widerspruch gab es nicht. Und so begleitete er uns zurück zu unserem Auto. Die Kinder rechts und links lachten. Der alte Mann lachte. Wir alle lachten. 

Und irgendwie wussten wir jungen Menschen doch schon ganz früh, dass niemand reicher sein kann, als ein Mensch, der sein Bestes lachend hergeben kann an Unbekannte, die er nie wieder sehen wird. 

Reichtum ist nicht: Haben müssen  –  Reichtum ist: Geben können!

Welch ein Geschenk !

Der reichste Mann der Welt – Kapitel aus WIE VOR WAS © 2014 ARKANA VERLAG / Random House


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